Chronik
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1870 |
| Ein "Konsortium" angesehener Pirmasenser gründet die "Höhere Töchterschule" als Privatschule; sie umfasst zunächst vier, später fünf und zeitweilig sechs Klassenstufen und beginnt nach dem erfolgreichen Abschluss von vier Volksschulklassen. Unterrichtsziel ist eine höhere Allgemeinbildung der vorwiegend protestantischen Mädchen.
| 1883 |
Die Stadt Pirmasens übernimmt die Bildungsanstalt als "Städtische höhere Töchterschule"; sie wird zunehmend auch von jüdischen Mädchen besucht. |
| 1903 |
Der erste Jahresbericht der inzwischen staatlich (königl.-bay.) anerkannten Schule wird von Direktor Dr. August Müller vorgelegt; er enthält Übersichten über das Lehrpersonal (insgesamt 11 Lehrerinnen und Lehrer), den Unterrichtsstoff - in Religion (prot., kath., israel.), Deutsch, Französisch, Englisch, Rechnen, Erdkunde, Naturgeschichte (=Biologie), Naturlehre (=Physik) ab der III.Klasse, Schönschreiben in den beiden ersten Klassen, Zeichnen, Turnen, Gesang und Handarbeit (Häkeln, Sticken, Nähen, ... Anfertigen eines Frauenhemdes, dreistündig in allen Klassen) - und die Schülerinnen (147 zu Schuljahresbeginn, 136 am Jahresende, davon 20 israelitische und 11 katholische). Als "wissenschaftliche Beilage" veröffentlicht Dr. Müller einen Vortrag "Ueber die Periodisierung der Weltgeschichte", in dem er sich gegen einen engstirnigen Nationalismus wendet ("Ein Gesetz der Ergänzung herrscht im Leben der Völker") und Anhänger Schopenhauers und der Evolutionstheorie Darwins sowie als zutiefst fortschrittsgläubig offenbart ("... dass wir nicht rückwärts, sondern vorwärts schreiten, vorwärts auf der Bahn der Freiheit und des Lichts"). |
| 1904 |
In seiner "wissenschaftlichen Beilage" spricht sich Dr. Müller unter Hinweis auf die Frauen- und Mutterrolle gegen die politische Gleichberechtigung, insbesondere das Wahlrecht der Frau aus. |
| 1906 |
Organisatorische und personelle Reformen:
- die "Städtische höhere Mädchenschule" wird den übrigen Mittelschulen gleichgestellt (und damit ein Zugang zum Universitätsstudium geschaffen);
- eine 6.Klassenstufe wird endgültig angefügt
- die Absolventinnen können nach einer Aufnahmeprüfung das Lehrerinnenseminar besuchen;
- Englisch wird erst ab der 4.Klasse erteilt
- das Fach "Bürgerkunde" (einstündig, 6.Klasse) wird eingeführt
- Stenographie und Violinspiel kommen als fakultative Fächer hinzu
- die dritte Handarbeitsstunde wird zugunsten einer zweiten Sportstunde gestrichen;
- das Schulgeld beträgt 60 Mark für die drei unteren, 80 Mark für die drei oberen Klassen jährlich; es kann "würdigen und bedürftigen" Mädchen erlassen werden;
- das Schuljahr beginnt "aus pädagogischen, hygienischen und praktischen Gründen" im Herbst;
- August Eberlein von der Kgl. Realschule Pirmasens wird Nachfolger Dr. Müllers, der die Leitung der höheren Mädchenschule in Weißenfels übernimmt.
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| 1914 |
Englisch wird nur noch fakultativ erteilt; neben Stenographie gehört inzwischen auch Maschinenschreiben zu den Wahlfächern. Wegen "Überfüllung" wird bei der Berufswahl eindringlich vor Lehrerin und Telephonistin gewarnt; empfohlen werden kaufmännische Berufe sowie der einer Chemielaborantin mit guten Berufsaussichten "in unserer industriell hochentwickelten Stadt". |
| 1918 |
Mit Unterrichtsausfällen, Erhöhungen des Stundendeputats bei Lehrern und Klassenzusammenlegungen übersteht die Schule die Zeit des 1.Weltkriegs. Die Zahl der Schülerinnen ändert sich kaum (ca. 250). Der Schulleiter, inzwischen Dr. Ritter von Eberlein, Träger des Eisernen Kreuzes erster Klasse, des bayerischen Militärverdienstordens mit Schwertern und des Max-Joseph-Ordens, befindet sich (zuletzt) als Bataillonskommandeur fast durchgehend an der Front. Die in dieser Zeit an allen Schulen üblichen Phrasen finden sich vor allem im Jahresbericht 1917: "... das Ringen mit englischer Tücke, welscher Rachsucht und russischer Barbarei hatte seinen Höhepunkt erreicht... Wenn jetzt unser Volk versagt, dann versinkt`s!" Außergewöhnlich hoch erscheint die Summe der von den Eltern gezeichneten Kriegsanleihen: Fast ständig steigend, belief sie sich bei der 8.Kriegsanleihe auf 96435 Mark! |
| 1920 |
Ohne Nachruf im Jahresbericht bleibt die Verabschiedung des bisherigen Schulleiters, Dr. von Eberleins, am 1.Februar; vom Stadtrat (!) wird Dr. Stocker, bisher am Pirmasenser Gymnasium tätig, zum Direktor gewählt und vom Ministerium bestätigt. |
| 1924 |
Die Schule wird zum "Städtischen Mädchen-Lyzeum Pirmasens" umbenannt und beendet die 6.Klasse mit der für Realschulen obligatorischen Abschlussprüfung. Das Schuljahr beginnt wieder nach den Osterferien. Die Zahl der Schülerinnen ist weiter auf 448 angestiegen; die Schulleitung klagt über Raumnot. Inzwischen befinden sich drei Klassenräume auf dem Speicher, die Turnhalle wird bis März 1925 von der Geschäftsstelle für Erwerbslosenfürsorge belegt. Einem aus München zugewiesenen Lehrer, Dr. Eberlein, wird von der französischen Besatzungsbehörde die Einreiseerlaubnis für die Pfalz verweigert. |
| 1927 |
Dr. Stocker wird auf eigenen Wunsch als Oberstudienrat nach Regensburg versetzt; sein Nachfolger, der bisherige stellvertretende Direktor Dr. Fergg, würdigt ihn als einen hervorragenden Schulleiter und Lehrer, der seine Schülerinnen "besonders in den bangen Zeiten des passiven Widerstandes und der Separatistenherrschaft mit vaterländischem Geist erfüllt habe". Statt Französisch wird nun wieder Englisch erste Fremdsprache. |
| 1929 |
Die "Vereinigung der Absolventinnen des Lyzeums Pirmasens" wird gegründet. Der Schulgruppe des "Vereins für das Deutschtum im Ausland" gehören 150 Schülerinnen an. |
| 1933 |
Französisch wird wieder erste Fremdsprache. Der 12. Februar ist zum Gedenken an die Vertreibung der Separatisten schulfrei. Am 21. März findet eine Feier "zur nationalen Sammlung und Erhebung des deutschen Volkes" in der Turnhalle statt, "welche festlichen Schmuck in den alten Reichsfarben und dem Hakenkreuzbanner angelegt hatte". Anschließend ist schulfrei. Im folgenden Schuljahr wird das Stoffgebiet "Aufbruch der Nation" in den planmäßigen Unterricht aufgenommen. Damit "wird in der heranwachsenden Jugend der Sinn für die Ehre des Volkes geweckt sowie die heiligen Gefühle der Vaterlandsliebe, der treuen Pflichterfüllung und der Dankbarkeit [...] insbes. gegenüber unserm Führer, in dessen Person sich wieder Volk und Staat verkörpern". Neu eingeführt werden auch "Erblehre und Rassenkunde"; in Biologie entfallen darauf etwa die Hälfte der für die 6. Klasse vorgesehenen Stunden. |
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| 1937 |
Englisch wird wieder erste Fremdsprache. In fast allen Fächern gelten neue Richtlinien, v.a. in Geschichte und Deutsch. "Der Geschichtsunterricht soll in erster Linie der politischen Erziehung dienen." Alle "arischen" Schülerinnen sind Mitglied im BDM. Es gibt noch fünf jüdische Mädchen an der Schule, denen im Jahresbericht 1938 die Konfession "gottgläubig" zugeordnet wird. Ab Juli 1938 dient die Schule als Unterkunft für die Arbeiter, die den Westwall bauen; Unterricht findet (gekürzt) in angemieteten Räumen statt, die im gesamten Stadtgebiet verstreut sind. |
| 1939 |
Neuer Schulleiter: Oberstudiendirektor Leiling. |
| 1939-1945 |
Bei Kriegsausbruch wird die Schule geräumt, das Inventar nach Speyer verbracht. Im September 1940 erfolgt die Rückkehr nach Pirmasens, Herr Leiling bleibt jedoch in Speyer. Die Schulleitung übernimmt zunächst Oberstudienrat Berger, nach dessen Pensionierung 1943 Professor Dr. Weinacht. Die Schulleitung klagt über das ständige "Hineinregieren" der HJ-Bannführung. Ab 1943 ist wegen der zunehmenden Fliegerangriffe und der Flucht vieler Pirmasenser Familien kein regulärer Unterricht mehr möglich. Am 9. August 1944 wird das Schulgebäude durch mehrere Bomben schwer beschädigt, ein dabei entstandener Brand von Hausmeister und Schulleiter gemeinsam gelöscht. Mit Hilfe der noch anwesenden Lehrer werden notdürftige Reparaturen durchgeführt, nach einem schweren Granatbeschuss im Dezember und Brandbomben am 15. März 1945 sind die Schulgebäude aber endgültig zerstört. |
| 1945 |
Dr. Ludwig Fauth, in der NS-Zeit vom Dienst suspendiert und daher politisch unverdächtig, wird von den Amerikanern am 30. Juni zum Leiter der gesamten höheren Schulen in Pirmasens ernannt und von den Franzosen später in diesem Amt bestätigt. Am 4. September versammeln sich alle erreichbaren Schüler (über 600) und Lehrer im Hof der Oberrealschule. Dr. Fauth ruft die Schüler dazu auf, sich ihre Schule selbst zu bauen. Von der französischen Besatzungsmacht ist die ehemalige Siemens-Fabrik in der Lemberger Straße freigegeben worden, in die Schulsäle eingerichtet werden sollen. In den folgenden Wochen räumen die Schüler die Trümmer beiseite, schaffen allein 20 000 Backsteine in einer Menschenkette vom Gelände des Städt. Krankenhauses herbei, holen weitere Steine mit Handwägelchen aus den verschiedenen Stadtteilen, fahren Bauholz, Sand und Kalk an. Das Material muss 4 - 6 Treppen hoch getragen werden, und schließlich brauchen Maurer und Zimmerleute bei ihrer Arbeit Unterstützung. Am 2.Oktober wird das Schuljahr 1945/46 mit Gottesdiensten und Festansprachen feierlich eröffnet. Die Lehrer der drei höheren Schulen sind zu einem Kollegium zusammengefasst, ihnen stehen zunächst sieben notdürftig ausgestattete Unterrichtsräume zur Verfügung. Rund 900 Schüler haben sich angemeldet, so dass Mammutklassen bis zu 80 Schülern gebildet werden. Von einem geordneten Unterrichtsbetrieb kann ohnehin keine Rede sein: Es gibt weder Sitzgelegenheiten noch Lehrbücher oder Schreibmaterial, anfänglich erscheinen manche Klassen nur jeden dritten Tag zum Unterricht. Das Kurzschuljahr endet mit der Überreichung der Reifezeugnisse für 52 Abiturienten am 17.April 1946. |
| 1946 |
Das von den Schülern mit so viel Mühe restaurierte und neu eingerichtete Siemens-Gebäude wird von der französischen Besatzungsmacht „zu militärischen Zwecken“ wieder beschlagnahmt. So bleiben alle 1100 höheren Schüler im Gymnasium und werden in 17 Lehrsälen unterrichtet. Das stark beschädigte Gebäude präsentiert sich seit dem 22. März ohne Dach: Ein heftiger Sturm hat es auf den Exerzierplatz befördert. Ab Oktober wird ein Teil der neuen Schuhfachschule für den Unterricht zur Verfügung gestellt. |
| 1950 |
Umzug in das alte, jetzt neu aufgebaute Gebäude der Mädchenoberrealschule. Neuer Schulleiter wird OStD Jakob Kunz. Auch Mädchenschulen können nun zwischen verschiedenen Schulformen wählen. Eine Elternversammlung entscheidet sich für den naturwissenschaftlichen Zweig, da „besonders für Mädchen in den Entwicklungsjahren der 4. und 5. Klasse [d.i. 8.und 9.] eine Schule mit Latein, Französisch, Englisch, also mit zusammen 13 Wochenstunden in Sprachen, eine zu starke Belastung ist.“ Die Schule heißt nun offiziell Naturwissenschaftliches Gymnasium für Mädchen. |
| 1954 |
Mit großer Mehrheit beschließt die Elternversammlung, die Schulform wieder zu ändern. Der neue Name lautet nun: Städtisches Neusprachliches Gymnasium für Mädchen (mit Lyzeum). Beibehalten wird die Einteilung in Trimester (also mit drei Zeugnissen im Schuljahr). |
| 1960 |
Das Land Rheinland-Pfalz übernimmt die bisher städtische Schule; nun können auch Jungen das ehemalige Mädchenlyzeum besuchen. Die Schülerzahlen steigen kontinuierlich an; in der 2. Hälfte der 60-er Jahre muss wegen der unzureichenden räumlichen Verhältnisse ständig improvisiert werden. Zeitweise muss der Unterricht in sechs verschiedenen Gebäuden organisiert werden. Neuer Name: Staatliches Gymnasium (neusprachlich, sozialwissenschaftlich). |
| 1970 |
Das neu erbaute Schulgebäude am Fahr`schen Wald kann im März bezogen und am 25. April feierlich eingeweiht werden. Das Gymnasium hat nun über 1000 Schüler. |
| 1974 |
Im Januar wird der langjährige Schulleiter Jakob Kunz in den Ruhestand verabschiedet; sein Nachfolger ist OStD Karl Werner Leonhardt. Im darauf folgenden Schuljahr wird die reformierte Oberstufe (MSS) eingeführt. |
| 1978 |
OStD Gottfried Steiner übernimmt die Schulleitung. Nach kontroversen Diskussionen soll der in Pirmasens geborene Dichter Hugo Ball auf Beschluss des Stadtrats Namenspatron der Schule sein. |
| 1987 |
Nach der Verabschiedung Herrn Steiners wird OStD Erich Kämmerer neuer Schulleiter. Die bisher eher sporadisch erscheinenden Jahresberichte werden unter seiner Regentschaft zu einer festen Institution. |
| 1998 |
Das HBG wird mit neuen, vernetzten Computern ausgestattet und im folgenden Jahr ans Internet angeschlossen. |
| 2000 |
OStD Rieder tritt die Nachfolge des in den Ruhestand verabschiedeten Herrn Kämmerer an. |